Appell zu einer präventiv orientierten Umgestaltung unseres Gesundheitssystems
Die Bundesrepublik Deutschland braucht leistungsfähige Arbeitnehmer, um sich im globalen Wettbewerb zu behaupten. Trotzdem lassen wir es zu, dass viele Arbeitnehmer vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden - aufgrund von Erkrankungen, die durch einfache Präventionsmaßnahmen vermeidbar wären. Dabei zeigt die Erfolgsgeschichte des klassischen Arbeitsschutzes, wie effektiv Prävention hier Abhilfe schaffen kann. Die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) und der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) möchten ihre Erfahrung und Expertise mit in diese Diskussion einbringen.
Unsere Anregungen an die Gesundheitspolitik:
Wir ermutigen die politisch Gestaltenden dazu, Prävention und Gesundheitsförderung in den Mittelpunkt der Reform des Gesundheitswesens zu stellen. Ein erster wichtiger Schritt wäre die Ausweitung der Unterstützungsmöglichkeiten der betrieblichen Gesundheitsförderung durch die Krankenkassen. Gleichzeitig sollte sich die öffentliche Forschungsförderung auf einige Kernbereiche konzentrieren: interdisziplinäre Arbeitsforschung, Präventionsforschung, Gesundheitspädagogik, Arbeitswissenschaft und Arbeitsmedizin. Ergänzt durch eine bessere Kooperation zwischen Unter-nehmen, Rentenversicherungsträgern und Krankenversicherungen ließe sich so die Effektivität unseres Gesundheitssystems erheblich steigern. Darüber hinaus liegt es nahe, die positiven Erfahrungen aus der Arbeitswelt auf andere Lebensbereiche zu übertragen. Wünschenswert ist eine Kultur des lebenslangen Lernens, die neben der beruflichen Qualifizierung auch gesundheitliche Aspekte vermittelt - unabhängig von Bildungsniveau und sozialem Status. Daher müssen wir die förderlichen Rahmenbedingungen schaffen, um die Menschen besser zu einem kompetenten und eigenverantwortlichen Umgang mit der eigenen Gesundheit zu befähigen.
Wir, die unterzeichnenden Verbände stehen der Politik bei diesen Aufgaben gerne beratend und unterstützend zur Seite.
Appell zu einer präventiv orientierten Umgestaltung unseres Gesundheitssystems
1. Vorbemerkung
Der zunehmend internationale Wettbewerb ist Anlass intensiver Bemühungen der deutschen Unternehmen um die kontinuierliche Weiterentwicklung interner Abläufe und Verfahren, verbunden mit steigenden Leistungserwartungen an die Arbeitnehmer/-innen. Diese Entwicklung hat sich in der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise noch intensiviert. Die wachsenden Anforderungen richten sich zudem an Belegschaften mit tendenziell steigendem Durchschnittsalter. Gleichzeitig steht unser System der sozialen Sicherheit angesichts dieses Wandels vor einer entscheidenden Akzeptanz- und Bewährungsprobe.
Der Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern wird damit zu einem erstrangigen gesundheitspolitischen Ziel, das zugleich der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft, der Finanzierbarkeit unseres Systems der sozialen Sicherung sowie der Lebensqualität und sozialen Teilhabe der Menschen in den verschiedenen Lebensabschnitten dient.
Die Achillesferse der Beschäftigungsfähigkeit bilden seltener die Kompetenz oder Motivation älterer Beschäftigter, vielmehr vorrangig die anhaltend hohe Häufigkeit chronischer „Volkskrankheiten“, die der Prävention zugänglich sind. Zu fokussierende Erkrankungen/Erkrankungsgruppen – orientiert am Frühberentungsgeschehen wegen Erwerbsunfähig-keit – sind besonders:
- degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparats, insbesondere der Wirbelsäule
- psychosomatische und psychische Erkrankungen
- Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems
- der Prävention zugängliche Krebserkrankungen
- chronische Bronchitis und chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen
Die Wissensbasis zur wirksamen Primär-, Sekundär-, Tertiärprävention und Gesundheitsförderung ist weitgehend vorhanden und wissenschaftlich gesichert; allerdings bedarf dieses Wissen dringend einer breiten Umsetzung. Während die unmittelbar arbeitsbezogenen Aspekte betrieblicher Prävention bereits beachtliche Erfolge gezeigt haben und aktuell weiterentwickelt werden, gibt es dringenden Handlungsbedarf auf dem Gebiet der Individualprävention der genannten, multifaktoriell verursachten Volkskrankheiten und der Gesundheitsförderung.
Die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) und der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) engagieren sich in diesem Appell an die gesundheitspolitisch Gestaltenden gemeinsam für eine Stärkung der Prävention und Gesundheitsförderung im deutschen Gesundheitswesen und bieten an, ihre Kompetenz und ihre Vision umfassender Prävention und Gesundheitsförderung im Setting „Arbeitswelt“ bei der aktuellen Neugestaltung der Gesundheitspolitik konstruktiv einzubringen.
2. Herausforderungen
Vorrangig stellen sich aus unserer Sicht folgende Aufgaben:
- Die systematische Entwicklung von Gesundheitswissen und Gesundheitskompetenz sowie die Förderung der „Selbstwirksamkeit“ unserer Bevölkerung – beginnend im Kindesalter und fortgesetzt in Berufsausbildung und Arbeitsleben
- Die Gestaltung von Arbeits- und Leistungsbedingungen in den Unternehmen, die gesundheitlichen Anforderungen gerecht werden, die Effizienz und damit Wirtschaftlichkeit menschlicher Arbeit gewährleisten und zugleich die langfristige Integration auch gesundheitlich beeinträchtigter Beschäftigter ermöglichen
- Eine umfassende Präventionskultur in den Unternehmen, umgesetzt als betriebliches Gesundheitsmanagement mit der Integration von Arbeitsschutz, Gesundheitsförderung und Eingliederungsmanagement
- Eine verstärkt präventive Ausrichtung des gesamten Gesundheitssystems unter Beteiligung aller Träger der sozialen Sicherung und des Bildungssektors
3. Erfolgsgeschichte Arbeitsschutz
Der „klassische Arbeitsschutz“ ist das Beispiel erfolgreicher Prävention schlechthin und zeigt, dass „Verhältnisprävention“ das Fundament jedes umfassenden Präventionsansatzes bildet. Zur konzeptionellen Unterstützung bei der Weiterentwicklung der betrieblichen Prävention wurde u.a. von Seiten des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) der Ausschuss für Arbeitsmedizin (AfAMed) etabliert, der eine enge Einbindung von Wissenschaft und Präventionspraxis im Vorfeld politischer Entscheidungen ermöglicht; hier hat sich ein sehr konstruktiver Dialog entwickelt.
In Anbetracht der komplexen Wechselbeziehungen zwischen Arbeit, gesundheitsbezogenem Verhalten, sozialem Status und Gesundheit gelingt allerdings keine strikte Trennung zwischen arbeitsbezogener und individueller Verhaltensprävention. Schon im Arbeitsschutz, erst recht bei der Beeinflussung individueller, lebensstilbedingter Gesundheitsrisiken, ist es unverzichtbar, die Menschen für die Entwicklung eigener Gesundheitskompetenz zu gewinnen und ihnen entsprechende Fähigkeiten zu vermitteln. Erfolgreiche Initiativen finden sich auf nationaler Ebene z.B. im Modell-Programm zur Bekämpfung arbeitsbedingter Erkrankungen des BMAS, der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) und im Netzwerk „Unternehmen für Gesundheit“, auf internationaler Ebene sei exemplarisch das seit mehreren Jahrzehnten in Finnland erfolgreich praktizierte „North Karelia Project“ genannt.
4. Wir brauchen ein präventiv
orientiertes Gesundheitssystem
Das übergeordnete Ziel „Erhalt und Förderung der Beschäftigungsfähigkeit“ lässt sich mit den Konzepten und Mitteln betrieblicher Prävention allein nicht erreichen. Vielmehr zeigen wissenschaftliche Ergebnisse wie praktische Erfahrungen, dass erst:
- die Nutzung der herausragenden Chance zur Früherkennung von Gesundheitsrisiken und Krankheiten durch die betriebliche Arbeitsmedizin,
- eine frühzeitige und hochwertige (Langzeit-)Therapie chronischer Erkrankungen,
- eine „Flankierung“ der Therapie chronischer Erkrankungen durch Gesundheitsförderung,
- eine optimale Gestaltung der Schnittstellen zwischen medizinischer Rehabilitation und betrieblichem Eingliederungsmanagement,
- eine gut abgestimmte Zusammenarbeit präventiv und kurativ tätiger Ärzte/Therapeuten und eine enge Kooperation gesetzlicher Krankenversicherungen, aber auch der Träger der gesetzlichen Unfall- und Rentenversicherung mit den Unternehmen und ihren Präventionsexperten
erlauben, die Potentiale zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auszuschöpfen und das Auftreten behandlungsbedürftiger chronischer Erkrankungen auf ein höheres Lebensalter zu verschieben. Das spricht sowohl für die Dringlichkeit von Optimierungen an den „Systemschnittstellen“, als auch für eine verstärkt präventive Neuorientierung unseres Gesundheitssystems.
Die mit dem demografischen Wandel einhergehenden Verschiebungen des Krankheitsspektrums erfordern Veränderungen der Versorgungsstrukturen im deutschen Gesundheitswesen, die insbesondere auf eine interdisziplinäre Verzahnung präventiv-medizinischer, kurativer und rehabilitativer Maßnahmen abzielen.
Eine Neukonzeption der Gesundheitspolitik bietet jetzt die Chance, nicht zuletzt auch unter Finanzierungsaspekten im Gesundheitswesen entsprechende inhaltliche Akzente zu setzen. Sie dient dem vom Sachverständigenrat im Gesundheitswesen beschriebenen Ziel eines effizienteren Einsatzes der knappen Ressourcen in einem populationsbezogenen Gesundheitssystem, dass sich den Vorteil einer unmittelbaren, niedrig-schwelligen Zugänglichkeit und ebenso Zugangsgerechtigkeit zu präventivmedizinischer Versorgung für die Erwerbstätige Bevölkerung im Präventionssetting „Betrieb“ zu eigen macht.
5. Unsere Anregungen an die politisch Gestaltenden
Die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin und der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte bieten an, ihre Kompetenz und Erfahrung bei den Überlegungen und Gesprächen zur Weiterentwicklung des deutschen Gesundheitssystems einzubringen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier einige unserer Anregungen genannt:
- Aufnahme von Elementen der Gesundheitsförderung in qualitätsgesicherte Behandlungsprogramme chronischer Erkrankungen und im System der medizinischen Rehabilitation
- Stärkung der Nachhaltigkeit medizinischer Maßnahmen durch arbeitsmedizinische Intervention/Einbeziehung der Betriebsärzte vor Ort
- Erweiterung der begrenzten Förderungsmöglichkeiten für Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung durch die gesetzliche Krankenversicherung
- Übertragen der guten und umfangreichen Erfahrungen aus der Arbeitswelt auf andere Lebenswelten/Präventionssettings
- Stärken der präventivmedizinischen Kompetenz aller Ärzte durch einen höheren Stellenwert dieser Disziplinen im Medizinstudium und leistungsfähige Institute für Arbeitsmedizin an allen medizinischen Fakultäten
- Schwerpunktsetzung öffentlicher Forschungsförderung auf den Gebieten der interdisziplinären Arbeitsforschung, der Präventionsforschung, der Gesundheitspädagogik, der Arbeitswissenschaft und der Arbeitsmedizin
- gesundheitspolitische Unterstützung für Kooperationsmodelle zwischen Unternehmen, Rentenversicherungsträgern und gesetzlichen Krankenversicherungen
- enge Abstimmung aller Regelungen, Initiativen und Maßnahmen zur Förderung der Beschäftigungsfähigkeit zwischen den Bundesministerien für Gesundheit (BMG), Arbeit und Soziales (BMAS) und Bildung und Forschung (BMBF)
6. Ermutigung
Trotz aller Hürden sehen und erfahren wir täglich die – noch lange nicht flächendeckend genutzten – Chancen von betrieblicher Prävention und Gesundheits-
förderung in Kooperation von Krankenversicherung, Betriebsärzten und weiteren Akteuren und Institutionen.
Wir wollen die politisch Gestaltenden deshalb ermutigen,
- Prävention und Gesundheitsförderung als entscheidende Handlungsfelder bei der Reform des Gesundheitswesens zu integrieren und
- förderliche Rahmenbedingungen für die Befähigung der Menschen zum kompetenten und eigenverantwortlichen Umgang mit der eigenen Gesundheit zu entwickeln.
Wir, die unterzeichnenden Verbände stehen der Politik gerne zur Beratung und Unterstützung zur Verfügung.
Aachen, Karlsruhe, den 31. Mai 2011
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Prof. Dr. med. Dipl.-Ing. Stephan Letzel |
Dr. med. Wolfgang Panter |
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Präsident DGAUM |
Präsident VDBW |






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